Für Fachpartner: Marktplatz-Zugang
StartseiteMagazinIndustrielle Trocknung elektrifizieren: bis zu 70 Prozent weniger Energie
Gewerbe-WärmepumpeJuli 2026·6 Min Lesen

Industrielle Trocknung elektrifizieren: bis zu 70 Prozent weniger Energie

Trocknungsprozesse laufen bis heute überwiegend mit Erdgas. Dabei ist gerade das Trocknen der technisch einfachste Einstieg, um Prozesswärme zu elektrifizieren. Ein Wärmepumpentrockner im geschlossenen Kreislauf senkt den Energiebedarf drastisch, weil er die feuchte Abluft nicht verliert, sondern immer wieder nutzt.

AM
Von Andreas Müller
Energieberater · Geprüft am 11. Juli 2026

Von 4-5 auf 1,2-1,8 kWh: Warum Trocknung der Einstieg ist

Wärme ist der größte Energieposten der deutschen Industrie: Rund zwei Drittel des industriellen Energiebedarfs entfallen auf Prozesswärme, und ein erheblicher Teil des in Deutschland verbrauchten Erdgases dient ihrer Bereitstellung. Ein großer Anteil davon steckt in Prozessen mit moderaten Temperaturen unter 200 Grad Celsius. Genau in diesem Bereich liegt die Trocknung, und genau deshalb ist sie der naheliegende erste Schritt, wenn ein Betrieb seine Wärmeerzeugung von Gas auf Strom umstellen möchte.

Trocknen bedeutet physikalisch, Wasser zu verdampfen. Der Löwenanteil der eingesetzten Energie wandert also in die Verdunstung von Feuchtigkeit und verlässt den Prozess anschließend als warme, feuchte Abluft. Bei einem gasbeheizten Trockner geht diese Wärme meist ungenutzt durch den Kamin. Eine Wärmepumpe dagegen entzieht der Abluft ihre Wärme und führt sie zurück in den Kreislauf. Weil das Temperaturniveau beim Trocknen niedrig bleibt, arbeitet die Wärmepumpe hier besonders effizient.

Wie groß der Unterschied ausfällt, zeigt schon der Gerätevergleich: Trockner im geschlossenen Wärmepumpenkreislauf kommen je Zyklus mit rund 1,2 bis 1,8 Kilowattstunden aus, während Abluft- und Kondensationsgeräte etwa 4 bis 5 Kilowattstunden benötigen. Das entspricht einer Einsparung von rund 60 bis 70 Prozent. Für einen Gewerbebetrieb mit hohen Trocknungslaufzeiten summiert sich dieser Effekt schnell zu einem spürbaren Hebel bei Energiekosten und CO2-Bilanz.

Das Potenzial ist auch volkswirtschaftlich erheblich. Laut einer Analyse von Agora Industrie aus dem Jahr 2023 könnten deutsche Industriestandorte durch Elektrifizierung ihrer Wärmeerzeugung bis 2030 rund 90 Terawattstunden Erdgas und 12,5 Millionen Tonnen CO2 einsparen. Besonders groß ist das Potenzial in der Lebensmittel-, Papier- und Kunststoffindustrie, in denen Trocknungsschritte allgegenwärtig sind.

Geschlossener Kreislauf: Trocknen ohne Abluftverlust

Der technische Kern des Wärmepumpentrockners ist der geschlossene Luftkreislauf. Die Wärmepumpe wirkt darin zugleich als Heiz- und als Kühleinheit. Sie erwärmt die Prozessluft, die das Trocknungsgut überströmt und dabei Feuchtigkeit aufnimmt. Anschließend führt sie diese feuchtwarme Luft über einen Verdampfer, an dem das Wasser auskondensiert und abgeführt wird. Die nun trockene, abgekühlte Luft wird wieder aufgeheizt und erneut durch den Prozess geschickt.

Der entscheidende Unterschied zum Gastrockner liegt darin, dass keine warme Abluft nach außen geblasen wird. Ein konventioneller Trockner erhitzt fortlaufend Frischluft und stößt die feuchte Warmluft als Verlust aus. Im geschlossenen Kreislauf bleibt die Wärme im System, und lediglich das auskondensierte Wasser verlässt den Prozess. Dieser Verzicht auf den Abluftverlust ist der Grund, warum sich mit Wärmepumpen bis zu 80 Prozent der Wärme zurückgewinnen lassen.

Für viele Anwendungen ist ein weiterer Effekt wertvoll: Weil die Trocknung im geschlossenen Kreislauf präzise steuerbar ist, lässt sich sehr schonend bei niedrigen Temperaturen arbeiten. Lebensmittel etwa werden in einem definierten Bereich von rund 20 bis 70 Grad Celsius entfeuchtet, was Farbe, Aroma und Inhaltsstoffe besser erhält als eine heiße Gastrocknung. Trocknungsqualität und Energieeffizienz stehen hier also nicht im Widerspruch, sondern verbessern sich gemeinsam.

Der geschlossene Kreislauf macht den Prozess außerdem unabhängiger von Umgebungsbedingungen und weniger anfällig für Schwankungen der Außenluftfeuchte. Das erleichtert die Reproduzierbarkeit der Produktqualität, ein Punkt, der in regulierten Branchen wie der Pharma- und Lebensmittelverarbeitung besonders zählt.

DryFiciency: 80 Prozent weniger Energie bis 160 Grad

Dass sich das Prinzip auch in industriellem Maßstab rechnet, hat das EU-Projekt DryFiciency belegt. Im Rahmen des Forschungsprogramms Horizont 2020 (Fördervorhaben 723576) entwickelte ein europäisches Konsortium unter Beteiligung des Austrian Institute of Technology drei Hochtemperatur-Wärmepumpen: zwei im geschlossenen Kreislauf für die Lufttrocknung und eine im offenen Kreislauf für die Dampftrocknung. Sie heben ungenutzte Abwärme auf ein nutzbares Temperaturniveau von bis zu 160 Grad Celsius an.

Die Ergebnisse sind deutlich. Gegenüber konventionellen Erdgasbrennern erreichten die Demonstratoren Energieeinsparungen von bis zu 80 Prozent und eine Verringerung der CO2-Emissionen in ähnlicher Größenordnung. Der spezifische Energiebedarf für die Trocknung sank von 700 bis 800 Kilowattstunden auf rund 200 Kilowattstunden je Tonne verdampftes Wasser. Die Produktionskosten der Anwender konnten um bis zu 20 Prozent sinken.

Getestet wurde nicht im Labor, sondern unter realen Produktionsbedingungen auf Technologiereifegrad TRL 7. Die Wärmepumpen liefen bei zwei europäischen Unternehmen: bei Agrana zur Trocknung von Stärke und bei Wienerberger zur Ziegeltrocknung, teils bereits seit 2019. Damit ist der Trocknungs-Anwendungsfall keine Theorie mehr, sondern in Serie erprobte Praxis.

Der Markt zieht nach, bleibt aber spezialisiert. Eine Auswertung des Fraunhofer IEG vom Juni 2025 beziffert den deutschen Prozesswärmebedarf bis 200 Grad Celsius auf rund 199 Terawattstunden pro Jahr, weist zugleich aber darauf hin, dass es oberhalb von 120 Grad bislang nur wenige Hersteller gibt. Die dena hatte die Technologie bereits 2022 als zentralen Baustein für die Elektrifizierung industrieller Wärme eingeordnet.

Gas- oder Wärmepumpentrockner: Welche Prozesse sich eignen

Nicht jeder Trocknungsprozess passt gleich gut zur Wärmepumpe, doch die Bandbreite ist groß. Gut geeignet sind Anwendungen mit niedrigem bis mittlerem Temperaturniveau bis etwa 160 Grad Celsius, kontinuierlichem oder getaktetem Betrieb und einer feuchten Abluft, aus der sich Wärme zurückgewinnen lässt. Je höher die jährlichen Volllaststunden, desto schneller amortisiert sich der Umstieg von der Gas- auf die Wärmepumpentrocknung.

In der Praxis bewährt sich die Technik über viele Branchen hinweg: bei der Trocknung von Obst, Gemüse, Molkereiprodukten oder Speiseinsekten in der Lebensmittelindustrie, bei Klärschlamm und Gärresten in der Abfallwirtschaft, bei Holz, Papier und Karton, bei Textilien sowie bei Granulaten und Wirkstoffen in Chemie und Pharma. Auch keramische Produkte und Ziegel gehören dazu. Als Bauformen kommen unter anderem Band-, Kammer- und Zerstäubungstrockner infrage.

Grenzen gibt es dort, wo sehr hohe Temperaturen deutlich oberhalb von 160 bis 200 Grad Celsius gefordert sind oder wo keine nutzbare Abwärmequelle vorliegt. In solchen Fällen kann eine hybride Lösung sinnvoll sein, bei der die Wärmepumpe die Grundlast vorwärmt und ein zusätzlicher Erhitzer die Spitzentemperatur bereitstellt. Ob sich der Wechsel lohnt, hängt vom Temperaturniveau, der verfügbaren Abwärme, den Laufzeiten und dem Verhältnis von Strom- zu Gaspreis ab.

Diese Abwägung ist selten eindeutig und lässt sich am besten anhand der konkreten Lastprofile eines Betriebs treffen. MySmartEnergy begleitet Gewerbe- und Industriekunden dabei als anbieterübergreifender Vermittler, prüft die Eignung der vorhandenen Prozesse und bringt passende Anbieter zusammen, ohne selbst Anlagen zu bauen oder zu verkaufen.

Förderung 2026: Zuschuss für die Elektrifizierung

Der Umstieg auf einen Wärmepumpentrockner ist eine Investition, die der Bund gezielt unterstützt. Zentral ist die Bundesförderung Industrie und Klimaschutz (BIK). In deren Modul 1 stehen Investitionszuschüsse von bis zu 30 Millionen Euro je Vorhaben bereit, wenn fossile Brennstoffe für Prozesswärme durch Strom oder grünen Wasserstoff ersetzt werden. Die Basis-Förderquote für Elektrifizierungsvorhaben liegt bei 30 Prozent der förderfähigen Kosten; mit dem KMU-Bonus steigt sie auf bis zu 40 Prozent für mittlere und bis zu 50 Prozent für kleine Unternehmen.

Der jüngste Förderaufruf der BIK lief zu Jahresbeginn 2026; die Frist für die Projektskizzen in den Teilmodulen 1 und 3 endete am 28. Februar 2026. Weil die Mittel jährlich und wettbewerblich vergeben werden, sollten Betriebe die Antragswege früh klären und die nächste Runde vorbereiten. Für kleinere Vorhaben bleibt die Bundesförderung für Energie- und Ressourceneffizienz in der Wirtschaft (EEW) ein weiterer Weg.

Zusätzlich hat die Bundesregierung im Rahmen des Klimaschutzprogramms 2026 angekündigt, ein neues Förderinstrument speziell für die Dekarbonisierung der Prozesswärme und für Elektrifizierungstechnologien wie Wärmepumpen zu entwickeln. Dafür sind laut den bislang kommunizierten Plänen im Verbund mit weiteren Maßnahmen rund 2,9 Milliarden Euro vorgesehen. Da es sich um angekündigte Vorhaben handelt, sollten Unternehmen die endgültigen Richtlinien vor der Planung abwarten.

Neben der direkten Förderung verbessert sich die Wirtschaftlichkeit auch durch den steigenden CO2-Preis auf fossile Brennstoffe, der Gas Jahr für Jahr verteuert. Wer heute ohnehin vor der Erneuerung eines gasbeheizten Trockners steht, sollte die Wärmepumpenvariante deshalb nicht als teurere Alternative, sondern als absehbar günstigere Betriebslösung durchrechnen.

Häufige Fragen

Wie viel Energie spart ein Wärmepumpentrockner gegenüber einem Gastrockner?+

Im geschlossenen Kreislauf sinkt der Verbrauch je Zyklus von rund 4 bis 5 auf 1,2 bis 1,8 Kilowattstunden, das sind etwa 60 bis 70 Prozent. Im industriellen Maßstab erreichte das EU-Projekt DryFiciency gegenüber Erdgasbrennern bis zu 80 Prozent Einsparung.

Bis zu welcher Temperatur funktioniert die Wärmepumpentrocknung?+

Serienerprobte Hochtemperatur-Wärmepumpen liefern heute Prozesswärme bis etwa 160 Grad Celsius. Oberhalb von 120 Grad gibt es laut Fraunhofer IEG (Juni 2025) allerdings nur wenige Hersteller.

Welche Trocknungsprozesse eignen sich besonders?+

Geeignet sind Prozesse bis rund 160 Grad Celsius mit hohen Laufzeiten und feuchter Abluft, etwa bei Lebensmitteln, Klärschlamm, Holz, Papier, Textilien sowie Chemie- und Pharmagranulaten. Je mehr Volllaststunden, desto schneller die Amortisation.

Welche Förderung gibt es 2026 für die Elektrifizierung der Trocknung?+

Die Bundesförderung Industrie und Klimaschutz (BIK) fördert Elektrifizierungsvorhaben mit 30 Prozent der Kosten, mit KMU-Bonus bis zu 40 oder 50 Prozent, und maximal 30 Millionen Euro je Vorhaben. Der Aufruf 2026 lief mit Einreichungsfrist bis 28. Februar 2026; die Mittel werden jährlich im Wettbewerb vergeben.

Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechts-, Steuer- oder Energieberatung im Einzelfall. Angaben ohne Gewähr — trotz sorgfältiger Recherche übernehmen wir keine Gewähr für Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität.

Weitere Artikel zum Thema

Solare Prozesswärme im Gewerbe: 3 bis 8 Jahre bis zur Amortisation
Strom aus Abwärme: Wann sich ORC-Anlagen für den Mittelstand rechnen
Megawattladen für E-Lkw: Das MCS-Netz nimmt 2026 Fahrt auf
MaBiS 3.0 und Viertelstundenpreise: Wenn die Viertelstunde zur Abrechnungseinheit wird

Nicht nur informieren — prüfen lassen.

Lassen Sie von MySmartEnergy prüfen, welche Ihrer Trocknungsprozesse sich für den Umstieg auf einen Wärmepumpentrockner eignen und welche Förderung 2026 dafür infrage kommt.

Energiekosten prüfen lassen →