Second-Life-Gewerbespeicher: Aus alten E-Auto-Akkus wird günstiger Firmenspeicher
Ausrangierte Fahrzeugbatterien bekommen ein zweites Leben als stationärer Firmenspeicher. Mit der Eröffnung von Europas größter Second-Life-Fabrik in Aachen rückt die Frage in den Fokus, wie belastbar Restkapazität, Garantie und Wirtschaftlichkeit im echten Gewerbebetrieb wirklich sind.
Voltfang eröffnet in Aachen Europas größte Second-Life-Fabrik
Am 20. August 2025 hat das Aachener Unternehmen Voltfang seinen neuen Produktionsstandort offiziell in Betrieb genommen und ihn als Europas größte Fabrik für Second-Life-Batteriespeicher bezeichnet. Der Standort liegt im TRIWO-Technopark Aachen, erstreckt sich über rund 6.000 Quadratmeter und befindet sich in den ehemaligen Produktionshallen des Elektroauto-Herstellers Next.e.GO. Die Eröffnung nahmen NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst und Aachens Oberbürgermeisterin Sibylle Keupen vor.
Laut Unternehmen soll bis Ende 2026 eine planmäßige Kapazität von 250 Megawattstunden pro Jahr erreicht werden, bis Ende 2030 ist der Ausbau auf jährlich eine Gigawattstunde vorgesehen. Gefertigt werden dort Speicher für Industrie-, Gewerbe- und Großspeicheranwendungen. Grundstoff sind aussortierte oder überproduzierte Fahrzeugbatterien mit noch ausreichender Speicherkapazität, aus denen große Batteriepakete entstehen.
Für Sie als Gewerbebetrieb ist die Eröffnung vor allem ein Marktsignal: Second-Life-Speicher verlassen die Nische der Pilotprojekte und werden in industriellem Maßstab produziert. Das erhöht die Verfügbarkeit, standardisiert die Qualitätsprüfung und schafft die Grundlage für belastbare Garantien. Gleichzeitig bleibt die zentrale Frage bestehen, ob ein gebrauchter Akku im Dauerbetrieb hält, was ein Neuspeicher verspricht.
Voltfang ist nicht der einzige Anbieter, aber der derzeit sichtbarste. Auch andere Hersteller und Forschungsprojekte arbeiten an der Zweitnutzung von E-Auto-Akkus. Die Fabrik in Aachen zeigt jedoch, dass die Technologie den Sprung von der Idee zur Serienproduktion geschafft hat. Wer eine Investitionsentscheidung vorbereitet, sollte die Chancen wie auch die technischen Grenzen dieser jungen Produktkategorie kennen.
70 Prozent Restkapazität: Was ausrangierte E-Auto-Akkus noch leisten
Eine Fahrzeugbatterie gilt aus Sicht der Automobilhersteller als verbraucht, wenn sie nur noch etwa 70 bis 80 Prozent ihrer ursprünglichen Kapazität liefert. Im Auto reicht das für die geforderte Reichweite und Ladeleistung nicht mehr zuverlässig. Für einen stationären Firmenspeicher, der nicht bewegt wird und keine Höchstleistung beim Beschleunigen abrufen muss, ist diese Restkapazität jedoch nach wie vor gut nutzbar.
Als Faustregel eignen sich nur Batterien mit mindestens 70 Prozent Restkapazität für die Zweitnutzung. Nach rund acht Jahren und etwa 1.500 Ladezyklen im Fahrzeug verfügen viele Akkus noch über 70 bis 80 Prozent ihrer Ausgangskapazität. Im stationären Betrieb altern sie zudem langsamer, weil die Belastung durch Temperaturschwankungen, Schnellladung und hohe Entladeströme deutlich geringer ausfällt als im Fahrzeug.
Entscheidend ist der sogenannte State of Health, der den alterungsbedingten Zustand einer Zelle im Verhältnis zum Neuzustand beschreibt. Bevor ein Modul in einen Second-Life-Gewerbespeicher wandert, durchläuft es strenge Tests, die diesen Zustand ermitteln und schwache Zellen aussortieren. Nur geprüfte Module mit ausreichender und dokumentierter Restkapazität kommen in die neue Konfiguration.
Für Ihre Planung heißt das: Ein Second-Life-Gewerbespeicher startet mit einer geringeren nutzbaren Kapazität als ein baugleicher Neuspeicher. Diese Ausgangslage müssen Sie bei der Dimensionierung einkalkulieren. Moderne Systeme gleichen das über Sicherheitstechnik mit Zellüberwachung, Brandschutz und aktiver Klimatisierung aus, die für den gewerblichen Dauereinsatz ausgelegt ist. Die Wirkungsgrade liegen laut Anbieterangaben bei etwa 90 bis 94 Prozent.
Wirtschaftlichkeit: 100 bis 160 Euro pro Kilowattstunde im Vergleich
Der wichtigste Hebel für Second-Life-Gewerbespeicher ist der Preis. Marktbeobachtungen nennen für stationäre Second-Life-Systeme Stromgestehungskosten von realistisch 100 bis 160 Euro pro Kilowattstunde, während neue Lithium-Ionen-Batteriespeicher typischerweise bei 150 bis 250 Euro pro Kilowattstunde liegen. Je nach Anwendung wird eine Ersparnis von 30 bis 70 Prozent gegenüber Neuspeichern angegeben.
Ob sich die Investition rechnet, hängt weniger vom Speichertyp als vom Nutzungskonzept ab. Durch gesunkene Systempreise und steigende Netzentgelte haben sich die Amortisationszeiten für Gewerbespeicher spürbar verkürzt. In der Praxis rentiert sich ein Gewerbespeicher heute im Bereich von vier bis sieben Jahren, sofern er gut ausgelastet ist.
Der stärkste einzelne Hebel ist die Lastspitzenkappung, das sogenannte Peak Shaving. Der Speicher kappt die höchste Viertelstunden-Spitze im Jahr und senkt damit den Leistungspreis. Je nach Verbrauchsprofil lassen sich so zwischen 20 und 50 Prozent der Leistungspreise einsparen. Erst im Multi-Use-Betrieb aus Eigenverbrauch, Lastspitzenkappung, dynamischen Tarifen und Flexibilitätsvermarktung wird ein Gewerbespeicher wirklich wirtschaftlich.
Voltfang bietet sein modulares System nach Anbieterangaben in Kapazitäten von 45 Kilowattstunden für Gewerbe bis über 1.350 Kilowattstunden für Industrie an. Für die Kalkulation gilt: Der niedrigere Anschaffungspreis eines Second-Life-Speichers verbessert die Rendite, doch bleibt die Rechnung sensitiv gegenüber Restlebensdauer, Garantiebedingungen, Prüfkosten und Logistikaufwand. Diese Faktoren gehören in jede seriöse Wirtschaftlichkeitsbetrachtung, bevor Sie sich festlegen.
Garantie und EU-Batteriepass ab 2027 als Absicherung
Die größte Unsicherheit bei gebrauchten Akkus ist die Frage nach der Haltbarkeit. Hier setzen die Anbieter mit Garantien an. Voltfang hat im Mai 2025 die frühere Begrenzung auf eine feste Zyklenzahl aus seiner zehnjährigen Garantie gestrichen. Die Zusage gilt nun laut Unternehmen unabhängig von der Zahl der durchlaufenen Ladezyklen. Zuvor war von 6.000 Ladezyklen oder zehn Jahren Lebensdauer die Rede.
Eine zyklenunabhängige Garantie verschiebt das Risiko der Alterung vom Käufer zum Hersteller und ist deshalb ein zentrales Prüfkriterium. Lesen Sie die Bedingungen genau: Entscheidend sind die garantierte Restkapazität am Ende der Laufzeit, die Voraussetzungen an Betrieb und Wartung sowie die Frage, ob im Garantiefall Nachbesserung, Austausch oder Wertersatz vorgesehen ist.
Zusätzliche Transparenz bringt der regulatorische Rahmen. Die EU-Batterieverordnung 2023/1542 gilt seit dem 18. Februar 2024 und vereinheitlicht die Vorschriften zu Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft. Ein Kernstück ist der digitale Batteriepass, der ab dem 18. Februar 2027 für neu in Verkehr gebrachte Industriebatterien mit mehr als 2 Kilowattstunden verpflichtend wird.
Für Second-Life-Speicher ist eine Regelung besonders relevant: Bei einer Zweitnutzung nach der Erstnutzung wird ein weiterer Batteriepass ausgestellt, der mit dem vorherigen Pass verknüpft ist. So bleiben Herkunft, Alterungszustand und technische Daten über den gesamten Lebenszyklus nachvollziehbar. Ab 2027 erhalten Sie damit eine dokumentierte Grundlage, um die Historie eines gebrauchten Akkus vor dem Kauf zu bewerten.
Grenzen und Risiken: heterogene Zellen und der State of Health
Bei aller Preisersparnis dürfen Sie die technischen Grenzen nicht übersehen. Die zentrale Herausforderung ist die Heterogenität gebrauchter Batterien. Sie stammen aus unterschiedlichen Fahrzeuggenerationen, Zellchemien und Nutzungsprofilen. Eine ungleiche Alterung einzelner Zellen kann die Leistung des gesamten Speichers beeinträchtigen, weil sich das System am schwächsten Glied orientiert.
Erschwerend kommt hinzu, dass die zuverlässige Bestimmung des State of Health aufwendig ist. Gängige Messverfahren gelten oft als zu zeitintensiv oder zu ungenau für den industriellen Maßstab. Genau hier arbeiten Forschung und Anbieter an schnelleren Prüfmethoden, teils mit KI-gestützter Analyse, um den Batteriezustand präzise und wirtschaftlich zu erfassen.
Auch die Modulintegration ist anspruchsvoll: Verschiedene Zelldesigns, Zellchemien und Alterungszustände müssen in einem System zusammenspielen. Ohne saubere Sortierung und ein leistungsfähiges Batteriemanagementsystem drohen niedrigere Energieeffizienz und geringere Zuverlässigkeit. Die industrielle Serienproduktion, wie sie in Aachen entsteht, soll diese Prozesse standardisieren und die Qualität reproduzierbar machen.
Für Ihre Entscheidung bedeutet das: Ein Second-Life-Gewerbespeicher ist kein Selbstläufer, sondern verlangt eine genaue Prüfung von Restkapazität, Garantie, Prüfprotokoll und Nutzungskonzept. Wo diese Punkte belastbar dokumentiert sind, kann ein gebrauchter Akku ein wirtschaftlich und ökologisch überzeugender Firmenspeicher sein. Wo sie fehlen, überwiegt das Risiko. Als anbieterübergreifender Energieberater ordnet MySmartEnergy diese Faktoren für Ihren Betrieb ein, ohne selbst Speicher zu bauen oder zu verkaufen.
Häufige Fragen
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechts-, Steuer- oder Energieberatung im Einzelfall. Angaben ohne Gewähr — trotz sorgfältiger Recherche übernehmen wir keine Gewähr für Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität.
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Nicht nur informieren — prüfen lassen.
Bevor Sie in einen Second-Life-Gewerbespeicher investieren, prüfen wir für Ihren Betrieb neutral, ob Restkapazität, Garantiebedingungen und Nutzungskonzept die versprochene Ersparnis tatsächlich tragen.