ETS2: Wie der EU-Emissionshandel für Gebäude und Verkehr Ihre Betriebskosten trifft
Der neue EU-Emissionshandel ETS2 soll den nationalen CO2-Preis für Gebäudewärme und Kraftstoffe ablösen. Weil sich der Preis dann am Markt statt an einem politischen Deckel bildet, sollten Betriebe mit stärker steigenden Kosten planen. Wir zeigen Ihnen den Fahrplan, die Preisprognosen und die konkreten Aufschläge auf Diesel, Heizöl und Erdgas.
Vom nationalen CO2-Preis zum ETS2: Der Fahrplan bis 2028
Seit 2021 verteuert der nationale Brennstoffemissionshandel (nEHS) auf Basis des Brennstoffemissionshandelsgesetzes (BEHG) fossile Brennstoffe für Wärme und Verkehr. Der Preis lag 2024 bei 45 Euro je Tonne CO2 und stieg im Januar 2025 auf 55 Euro. Ab 2026 endet die bisherige Festpreisphase: Die Deutsche Emissionshandelsstelle (DEHSt) versteigert die Zertifikate dann in einem Preiskorridor von 55 bis 65 Euro je Tonne, mit einem Nachkaufpreis von bis zu 68 Euro, falls die Nachfrage das Angebot übersteigt. Die Auktionen an der Energiebörse EEX in Leipzig finden laut DEHSt ab dem 1. Juli 2026 wöchentlich statt.
Der europäische Emissionshandel ETS2 soll dieses nationale System ablösen. Ursprünglich war der Start der Handelsphase für 2027 geplant. Am 5. November 2025 verständigten sich die EU-Umweltministerinnen und -minister jedoch darauf, den Start um ein Jahr auf 2028 zu verschieben; das Europäische Parlament bestätigte die Verschiebung am 13. November 2025. Hintergrund sind laut Rat die anhaltend hohen Energiepreise in der EU. Am 27. November 2025 legte die EU-Kommission zusätzlich einen Beschlussentwurf vor, der die Preisentwicklung im ETS2 stabilisieren soll.
Für Betriebe bedeutet das keine Entwarnung, sondern Aufschub. Das BEHG gilt übergangsweise weiter, sodass 2027 zum Brückenjahr im nationalen System mit dem Preiskorridor wird. Ab 2028 greift dann der marktbasierte ETS2, bei dem sich der Preis ähnlich wie an einer Börse aus Angebot und Nachfrage bildet und nicht mehr politisch gedeckelt ist. Genau dieser Wechsel von einem gedeckelten zu einem marktgetriebenen Preis ist der Grund, warum Sie Ihre Energiekosten frühzeitig neu durchrechnen sollten.
Warum die Preise unter ETS2 über 100 Euro je Tonne steigen können
Der entscheidende Unterschied liegt im Preismechanismus. Solange das nationale System gilt, ist der CO2-Preis mit dem Korridor von 55 bis 65 Euro je Tonne nach oben abgesichert. Unter dem ETS2 fällt diese Obergrenze weg: Der Preis entsteht am Markt, und wenn die verfügbaren Zertifikate knapper werden als die Nachfrage, steigt er entsprechend. Mehrere Institute rechnen deshalb mit deutlich höheren Werten als heute.
Das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) kommt in einer Studie von 2025 auf einen durchschnittlichen CO2-Preis von rund 160 Euro je Tonne bis 2035, mit einer Spanne von etwa 120 Euro zu Beginn bis rund 205 Euro im Jahr 2035. Der Thinktank Zukunft KlimaSozial erwartet laut eigenen Angaben einen Startpreis von 50 bis 90 Euro, der bis 2030 auf 100 bis 160 Euro steigen könnte. Über verschiedene Modelle hinweg schwanken die berechneten Werte zwischen 60 und 380 Euro je Tonne, wobei die meisten Szenarien deutlich über 100 Euro liegen.
Wichtig ist die Einordnung: Es handelt sich um Prognosen, nicht um festgelegte Preise. Wie stark der Preis tatsächlich steigt, hängt vom Tempo der Emissionsminderung, von zusätzlichen Klimaschutzmaßnahmen und von der Marktentwicklung ab. Für Ihre Planung heißt das jedoch: Die Bandbreite reicht klar in Bereiche, die den heutigen nationalen CO2-Preis um ein Vielfaches übersteigen. Wer seine Betriebskosten nur mit dem aktuellen Niveau kalkuliert, unterschätzt das Risiko.
Cap, Marktstabilitätsreserve und der 45-Euro-Auslöser
Wie stark der Preis steigt, steuert die EU über die Menge der ausgegebenen Zertifikate. Die Emissionsobergrenze (Cap) für den ETS2 liegt im Startjahr bei rund einer Milliarde Tonnen CO2 und sinkt anschließend jährlich über einen linearen Reduktionsfaktor, der ab 2028 bei 5,38 Prozent liegt. Diese jährliche Verknappung ist der eigentliche Preistreiber: Je weniger Berechtigungen im Umlauf sind, desto teurer wird jede ausgestoßene Tonne.
Gegen zu starke Preissprünge in der Anfangszeit hat der Gesetzgeber zwei Instrumente vorgesehen. Über das sogenannte Frontloading werden Auktionen vorgezogen; im ersten Jahr kommen laut EU rund 300 Millionen zusätzliche Zertifikate auf den Markt, die allerdings von den Folgejahren abgezogen werden und die Gesamtmenge nicht erhöhen. Ergänzend startet die Marktstabilitätsreserve mit rund 600 Millionen zusätzlichen Zertifikaten, die bei Knappheit oder starken Preissprüngen freigegeben werden können.
Zusätzlich gibt es einen Preisauslöser: Übersteigt der Preis eine definierte Schwelle, werden zusätzliche Zertifikate freigegeben, um den Anstieg zu dämpfen. Diese Schwelle liegt bei rund 45 Euro je Tonne, angepasst an die Inflation entspricht das laut Kommission etwa 60 Euro im Jahr 2028. Dieser Mechanismus ist jedoch ein Dämpfer, kein fester Deckel wie im heutigen nationalen System. Er verlangsamt einen Anstieg, verhindert ihn aber nicht dauerhaft, wenn die Nachfrage hoch bleibt.
Was ETS2 konkret auf Diesel, Heizöl und Erdgas aufschlägt
Verpflichtet zur Abgabe der Zertifikate sind nicht die einzelnen Betriebe, sondern die Unternehmen, die fossile Brennstoffe wie Heizöl, Erdgas, Benzin, Diesel und Kohle in Verkehr bringen. Diese Kosten geben sie über die Brennstoff- und Wärmepreise an die Endverbraucher weiter. Für Ihren Betrieb wird der CO2-Preis damit als Aufschlag auf jede Tankfüllung, jede Heizöllieferung und jede Gasrechnung spürbar.
Beim aktuellen Preisniveau liegt der CO2-Anteil laut Branchenangaben bei rund 17 bis 20 Cent je Liter Diesel. Für Heizöl nennen Anbieter für 2026 einen Aufschlag von bis zu etwa 20,7 Cent je Liter. Diese Beträge steigen näherungsweise proportional mit dem CO2-Preis: Verdoppelt oder verdreifacht sich der Preis je Tonne unter dem ETS2, wächst auch der Aufschlag entsprechend. Bei einem Preis von über 100 Euro je Tonne läge der CO2-Anteil pro Liter deutlich über den heutigen Werten.
Für energieintensive Betriebe, Fuhrparks und Gebäude mit fossiler Wärmeversorgung summiert sich das schnell zu einem relevanten Kostenblock. Ein Speditionsbetrieb mit hohem Dieselverbrauch oder ein Produktionsstandort mit Gasheizung spürt jeden Euro, den der Preis je Tonne zulegt. Weil der Zeitpunkt des Systemwechsels feststeht, der genaue Preis aber offen ist, sollten Sie mit mehreren Szenarien planen und nicht nur mit dem heute gültigen Korridor.
Wie Betriebe sich auf steigende CO2-Kosten vorbereiten
Der Aufschub bis 2028 verschafft Ihnen Zeit, die Sie für die Vorbereitung nutzen sollten. Der erste Schritt ist Transparenz: Erfassen Sie Ihren Brennstoff- und Energieverbrauch nach Quelle, also getrennt nach Diesel, Heizöl, Erdgas und Strom. Erst wenn Sie wissen, welcher Anteil Ihrer Kosten überhaupt CO2-bepreist ist, lässt sich die Wirkung eines steigenden Preises seriös hochrechnen.
Im zweiten Schritt hilft eine Szenariorechnung. Kalkulieren Sie Ihre Betriebskosten nicht nur mit dem heutigen Preis, sondern zusätzlich mit Annahmen von etwa 100 und 160 Euro je Tonne, wie sie mehrere Prognosen für die Jahre nach dem Start nennen. So erkennen Sie, ab welchem Preisniveau sich Investitionen in Effizienz, Wärmedämmung, elektrische Antriebe oder einen Wechsel des Energieträgers rechnen. Jede eingesparte Tonne CO2 senkt die Kostenlast doppelt: über den geringeren Verbrauch und über den vermiedenen Zertifikatspreis.
Drittens lohnt ein Blick auf Beschaffung und Vertragslaufzeiten. Wer Brennstoff- und Energieverträge vorausschauend gestaltet, kann Preisspitzen abfedern. MySmartEnergy begleitet Sie dabei als anbieterübergreifender Berater und Vermittler: Wir handeln nicht selbst mit Zertifikaten, sondern helfen Ihnen, Ihren CO2-Kostenpfad zu verstehen, Szenarien zu rechnen und Einsparpotenziale zu priorisieren. So treffen Sie Ihre Entscheidungen auf Basis belastbarer Zahlen statt auf Basis von Schlagzeilen.
Häufige Fragen
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechts-, Steuer- oder Energieberatung im Einzelfall. Angaben ohne Gewähr — trotz sorgfältiger Recherche übernehmen wir keine Gewähr für Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität.
Nicht nur informieren — prüfen lassen.
Lassen Sie Ihre Brennstoff- und Wärmekosten frühzeitig gegen ein ETS2-Szenario mit über 100 Euro je Tonne durchrechnen, bevor der CO2-Preis 2028 die Marktseite wechselt.